English

Ein ganz normaler Arbeitstag in Indonesien

Montagmorgen. Um 6.00 Uhr verlasse ich mein Haus und begebe mich auf die Autobahn bevor der grosse Stau losgeht. Frühstück ging schnell. Unsere Haushälterin, die gute Seele des Hauses, hatte das Frühsteuck schon vorbereitet, lecker. Da sie eh um 4.00 Uhr regulär zum Beten aufsteht, ist für sie um 5.30 Frühstück zuzubereiten keine Zusatzarbeit. 40 Minuten auf dem Highway vergehen schnell, doch wenn ich diesen verlasse, stehe ich nochmal mal rund 30 Minuten im Stau an der Mautstelle. Jeden Tag das gleiche. Um 7.15 erreiche ich mein Büro, glücklicherweise konnte ich im Auto noch etwas schlafen. Ich habe einen Fahrer, weil es die Firma nicht zulässt, dass Ausländer selbst das Steuer in die Hand nehmen. Das wäre in Indonesien, und speziell in Jakarta, auch lebensmüde. Der Stärkere gewinnt auf der Strasse oder auch der mit den besseren Nerven. Und da mein Auto geräumig ist, kann ich auch die Füsse hochlegen. Tja, hier interessiert nicht der Mercedesstern auf der Haube, hier interessiert die Gemütlichkeit der Rückbank.

Im Büro bringt mir das hübsche Mädchen aus der Küche gleich einen Kaffee. Die angenehme Seite des Lebens. Ein kurzer Rundgang durch das Büro zeigt mir, dass 2 Mitarbeiter nicht da sind. Wichtige Familienangelegenheiten sind der Grund der Abwesenheit, wird mir vom Personalbüro berichtet, einmal hat das 8 Jahre alte Kind 38.5 Grad Fieber und der Buchhalter hat ein wichtiges Bankgeschäft zu erledigen, daher hat er kurzfristig Urlaub genommen. Das verwirft wieder meinen Tagesplan, denn eigentlich sollte ich mit ihm gemeinsam den Monatsbericht durchgehen, er ist mein wichtigster Zahlenlieferant. Heute Nachmittag ist Abgabetermin, er weiss es und wir müssen nach Deutschland berichten. Obwohl er es weiss, kommt er nicht ins Büro und ich weiss jetzt schon, dass es schwierig wird, die Verspätung dem CFO in Deutschland zu erklären. Generell wird dadurch mein Tagesplan komplett durcheinandergeworfen, denn heute hatte ich Buchhaltung auf der Agenda. Also heisst es mal wieder, improvisieren, doch das sind wir ja gewohnt.

Also, weiter gehts. Produktionsrundgang. Um 7.00 Uhr ist Beginn und es herrscht Anweisung, dass um 8.00 Uhr alles geputzt ist und alle Maschinen laufen müssen. Punkt 8.00 bin ich der Produktionshalle. Auf den ersten Blick sehe ich, dass keine Maschine der Produktionslinie 1 läuft. Was ist da los? Kein Vorarbeiter auffindbar. Schichtleiter gerufen. Der sagt mir, dass der Vorarbeiter der Linie 1 nicht gekommen sei, keine Begründung bekannt. “Und jetzt?” frage ich. “Wo ist die Vertretung, wer übernimmt die Arbeit? Wer wurde angewiesen?” – betretenes Schweigen seitens des Schichtleiters und ein fragender Blick. Da wird mir schnell klar, dass eine Stunde nichts passiert ist, die Mitarbeiter nicht eingewiesen, keine Arbeiten verteilt sind und kein Produktionsplan bekannt ist. Und genau so ist es. Die Maschinen sind staubig, die Werkzeuge nicht aufgespannt, kein Material bereit und die Mitarbeiter rennen überall rum, nur nicht an der Maschine. Betriebsleiter? Schichtleiter? Bevor ich denen jetzt lange Anweisungen gebe, übernehme ich lieber die komplette Szenerie. Schnelle Anweisungen meinerseits in die Runde, kurz, zügig und präzise, nachdem es nicht gleich läuft, etwas im lauteren Ton und in Drohgebärde, und schon kommt die Linie in Bewegung. Mein Kauderwelsch aus Indonesisch und Englisch wird ganz gut verstanden. Die Szenerie 5 Minuten beobachtet, dreimal theatralisch in die Hände geklatscht und gut ist es. Naja, immerhin hat sich meine Anwesenheit in der Produktion bezahlt gemacht, ist zwar nicht meine direkte Arbeit, aber der Verlust wäre andernfalls grösser gewesen. Den Betriebsleiter werde ich mir zu einem späteren Zeitpunkt ins Büro holen und zu dem Thema ansprechen.

Ich beschliesse nach einem raschen Rundgang wieder ins Büro zu gehen, um die Lagerbestandszahlen zu prüfen. Somit wäre zumindest ein Teil der Monatszahlen erledigt. Und da um 11.00 Uhr die Architekten kommen zwecks Diskussion einiger Bilder, kann ich mich hier auch noch mal einlesen. Gerade laufe ich auf Höhe der letzten Maschine als mir auffällt, dass die Maschine läuft, obwohl die Sicherheitstür offen ist. Was ist das denn? Ich bleibe stehen, schaue genauer und stelle fest, dass die Sicherheitstür überbrückt ist. Der Mann arbeitet mit offener Tür und er fingert recht nah am Werkzeug herum, höchste Gefahr für die Finger. Ich gehe zügig hin und drücke den Notausschalter. Die Maschine stoppt umgehend und der Alarm geht an. Alles kommt angerannt. Alle schauen als würden sie die Situation nicht verstehen. Ich blicke in die Runde, weise auf den überbrückten Sicherheitsmechanismus und frage, was das solle. Grosses Schweigen. Sofort sammle ich die Vorarbeiter, Betriebsleiter, Schichtleiter, Sicherheitsverantwortlichen, usw und nehme sie in das Betriebsleiterbüro. Ansprache bezüglich Arbeitssicherheit. “Aber wir haben doch gedacht, Sir…” kommt die Antwort. Ich unterbreche sofort und sage, dass ich schon 100-mal gesagt habe, bei Sicherheit werde nicht diskutiert. Die Ansprache, welche ich schon öfter gehalten habe, dauert am Ende eine Stunde. Dann übernimmt das Personalbüro, um den Fall abzuverfolgen, denn man muss recht hart durchgreifen. Eine Abmahnung muss in diesem Punkt unweigerlich folgen. Würde dies nicht geschehen, würde umgehend keiner mehr die Standards einhalten, weil es hiesse, den Chef kümmert es nicht. Leider ist es so, dass trotz vieler Trainings die Arbeitssicherheit nicht eingeführt wird, weil es im Interesse der Leute ist, sondern weil es der Chef fordert. Und wenn der Chef oder nur der Vorgesetzte einmal nicht durchgreift, wird es sofort als Desinteresse verstanden. Traurig aber wahr.

Es ist mittlerweile 9:45, länger als geplant war ich unterwegs als ich Richtung Büro komme. Da werde ich schon von meiner Sekretärin empfangen, die mir ein Telefon hinhält. “Yes please” frage ich. Da antwortet eine aufgebrachte Stimme, warum unsere Firma denn nicht liefere, obwohl es versprochen sei. Es ist unser Kunde. Ich antworte, dass alles in Ordnung sei und dass ich es prüfen würde. Ich marschiere in die Verkaufsabteilung und frage, ob alles verschickt worden wäre, die Antwort ist ja. Ich schaue kurz zum Fenster hinaus und was sehe ich? Unseren LKW im Hof stehen. “Ja wieso ist der noch da? “Hallo”? Der LKW sollte heute um 6.00 Uhr die Firma verlassen, jetzt ist es knapp 10.00 Uhr, wieso ist er noch da? Ich renne runter in das Lager, Telefon bringt wegen der Sprachbarriere eh nichts, und finde die komplette Lieferung am Lager mehr oder weniger versandfertig, aber nicht verschickt. Ja was ist denn da los? Nach 3maligem Nachfragen kommt heraus, dass die Lieferung, welche 200 Pakete umfassen sollte, nicht komplett sei – 2 Stück fehlen. Und das Lager hat Anweisung, nur komplett zu liefern. Die Lieferpapiere seien auf 200 ausgestellt, das passe nicht. “Wo sind die fehlenden Kartons?” frage ich. Keine Antwort. Ich bewege mich persönlich in die Produktion, schnappe den Produktionsplan. Die Antwort: vorgestern produziert. Also erledigt. Ja wo mögen sie denn sonst sein? Ich renne in die Qualitätskontrolle. Abgemeldet. Auch nicht mehr da. Ja, was ist denn jetzt los? Die Boxen können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben! Ich will gerade wieder ins Lager, da sehe ich zwei Boxen in der Ecke vor dem Lager stehen. Entfernung zum Lager: 3 Meter. “Was ist das?”. “Keine Ahnung” entgegnet mir der leitende Herr der Abteilung. “Die stehen noch von der Nachtschicht hier”. “Ja und?” frage ich entsetzt. “Was ist drin und warum stehen sie da?”. Blutdruck geht höher… Die Antwort ist nur ein Schulterzucken. Also guck ich rein, dreimal darf man raten, was es für Kartons sind? Genau, die vermissten zwei für die Lieferung. Ich nehme sie eigenhändig und trage sie an den LKW und weise an, zu beladen.

Ich schnappe mir Qualitätskontrolle und Lagerverantwortliche und frage, was das jetzt sollte, wieder lächeln alle und zucken mit den Schultern. “Nicht verantwortlich” ist die Antwort. Gerade der Lagerverantwortliche sagte mir, er sei nur verantwortlich für das Lager, nicht davor. Ja kann das denn sein? Er sieht das Paket, kümmert sich nicht drum, und weiss, dass dies zu einem grossen Problem führt. Es wurde also mal wieder ein Problem kreiert, wo keines war, nur weil jeder mit einer Art Scheuklappe herumläuft. Aber bei der nächsten Gehaltserhöhung wollen sie mir wieder erzählen, sie seien “Manager”. Ruhig bleiben, durchatmen, nicht aufregen… Am besten: Lächeln!

Das Hin- und Hergerenne hat die Uhr mittlerweile auf 11.00 Uhr weiterlaufen lassen. Hoch ins Büro. Eine Tasse Kaffee zwischendurch. Eigentlich Zeit für die Architekten, doch die sind noch nicht da. Gut so, also ran an die Lagerzahlen. Da klingelt das Telefon. Wieder der Kunde. Grosse Qualitätsprobleme beim Kunden. Alle unsere Lieferungen von letzter Woche wurden nicht akzeptiert. Was? Denke ich. Gibts doch nicht. Ich versuche, mich von der Hysterie am anderen Ende der Leitung nicht anstecken zu lassen und versuche zu beruhigen. Es gelingt einigermassen. Nach dem Telefonat gibt es gleich eine Krisensitzung mit Qualtätssicherung und Produktion. Die Laborergebnisse sind perfekt, die interne Abnahme war fehlerfrei, wie kann es sein, dass beim Kunden alles schiefgeht? Videokonferenz mit dem Kunden ist kurzfristig angesagt, für 11:30 Uhr. Wir sind bereit. Doch die Leitung ist tot. “Wo ist der EDV Chef?” frage ich. Fünf Minuten passiert nichts, als ich etwas laut werde und nach dem EDV Chef verlange, aber sofort, wir brauchen die Leitung. Nach erneuten fünf Minuten und komplettem Drang meinerseits aus der Haut zu fahren, kommt die Antwort, er sei in der Moschee beim Beten. Ich fass es nicht. Naja, beten dauert eigentlich nur wenige Minuten. Also wieder warten. Erneut schnappe ich mir einen Kaffee, wenigstens das klappt. Um 11.55 kommt der EDV Chef ins Büro. “Wo kommst Du her?” frage ich und er antwortet, er käme vom Beten. “25 Minuten???” frage ich. Er lächelt nur und ist still. “wo warst Du 25 Minuten lang?” frage ich. Er ist weiterhing still, lächelt, und schraubt verlegen an der Anlage herum. Innerhalb zwei Minuten ist das Bild da, die Videokonferenz läuft. Der Kunde zeigt uns unser Produkt, welches aus meiner Sicht normal und entsprechend der Norm aussieht. Wir erkennen nichts Negatives. 15 Minuten wird hin- und herdiskutiert. Doch wir entschliessen uns, einen anderen Weg zu gehen. Der Qualitätschef hat sich ins Auto zu setzen und hinzufahren und soll sich alles vor Ort anschauen. “Sorry lieber Kunde, aber das ist am sichersten.” Ok, und somit beenden wir die Konferenz.

12.15. Das Essen steht schon seit 15 Minuten auf dem Tisch, Mist. Es gehört zum guten Ton, dass wir, im Top Management gemeinsam essen. Wir haben einen eigenen Managerraum, in welchem wir Essen bekommen, das speziell für uns zubereitet wird. Sehr lecker. Hört sich nach endlosem Luxus an. Ist es auch, aber auch notwendig, da die normale Kantine täglich das gleiche – Reis – kocht und die Sauberkeitstandards nicht mit unseren europäischen Mägen kongruieren. Es gab in der Vergangenheit zu viele Fälle von Durchfall.

Ich klage den Kollegen mein Leid, dass ich bisher alles gemacht habe, ausser das, was ich tun sollte. Kollegen berichten ähnliches, kein indonesischer Kollege folgt seine Bereiche ab, Standards werden nicht eingehalten und wenn man jemanden braucht, ist er oder sie beim Beten. Wieso kommt mir das alles so bekannt vor?

Eigentlich wäre Pause von 12.00 Uhr bis 13.00 Uhr. Aber da ich bisher noch nicht am Computer war, will ich ins Büro gehen und einige E-Mails beantworten. Ein Blick in den Posteingang. 113 E-Mails. Hilfe, mich trifft der Schlag. Recht zügig kann ich 90 herausfiltern, die ich direkt ablegen oder löschen kann. In Asien schickt jeder Mails mit 25 Leuten im Verteiler und am besten ist es, immer den Chef mit anzuhängen. Viel hilft wohl auch viel. Aber auch das kostet viele Minuten und es ist schon kurz vor 13.00 Uhr. Die wichtigen Mails sind zwar noch nicht erledigt, aber die unnötigen gelöscht. Immerhin. Ich will gerade mit den wichtigen Mails anfangen, da klopft es und die Architekten sind da. Lächelnd kommen sie herein. “Hallo, waren wir nicht um 11.00 Uhr verabredet?” Wieder ein Lächeln und ein Kommentar zur Verkehrslage. Naja, die ist ja allgemein bekannt denke ich und weise die Damen und Herren an, künftig bitte etwas zeitiger loszufahren.

Naja, wir hocken uns zusammen und gehen die Zeichnungen durch. Alles wird ausgebreitet und nachdem die obliatorischen zehn Minuten über Familie und Kinder erzählt worden sind, kommen wir zur Sache. Stolz zeigen sie mir die Entwürfe, doch ich bin entsetzt. “Wo sind die Veränderungen eins bis zehn, welche wir letzte Woche besprochen hatten? Eins und zwei sind gemacht, wobei zwei nur halb umgesetzt ist.” Wieder ein Lächeln. Die Antwort: “Das machen wir dann bis nächste Woche fertig”.

“Wieso nächste Woche? Es war Aufgabe für heute!” Naja, wir können lange über Gründe reden. Meeting abgebrochen, Aufgabenstellung wiederholt, aber diesmal mit der Androhung einer Vertragsstrafe, wenn binnen zwei Tagen nicht alles vorgelegt wird.” Wir verabschieden uns. Ich weiss ja jetzt schon, dass in zwei Tagen wieder nichts komplett ist, aber was soll ich machen? Diese Firma ist noch die vertrauensvollste von allen.

13.30 Uhr. Endlich Zeit für die Lagerzahlen. Nach 30 minütiger Prüfung, ein ok von meiner Seite. Endlich läuft etwas normal. Und kaum habe ich die Zahlen fertig, kommt der Anruf auf mein Telefon des Qualitätschefs bezüglich der Reklamation vom späten Vormittag. Grünes Licht vom Kunden. Die Lieferungen sind freigegeben. “Freut mich zu hören, doch was war der Grund der Reklamation”? Muss ja ernst gewesen sein, immerhin war die Lieferung einer kompletten Woche geblockt mit Drohung von Bandstillstand. Nichts Ernstes – im Gegenteil, alles perfekt! Das Problem war, dass beim Kunden die Entwicklung vergessen hatte, eine Änderung am Produkt der hauseigenen Qualitätseingangskontrolle zu melden. Unser Mann hatte die Leute in ein Meeting zusammengebracht, die Miskommunikation bereinigt und alles war im Lot. Ja bravo. Wieder mal viel Lärm um nichts. Aber hauptsache alles paletti in diesem Fall.

Gerade lege ich den Hörer auf, da bekomm ich wieder einen kleinen Tumult mit. Wie die aufgeregten Hasen rennen Leute durchs Büro. Interessiert mische ich mich dazwischen und will wissen, was los ist. Eine Dame aus der Qualitätssicherung ist ins Krankenhaus gekommen weil heute die Geburt ihres Kindes sein sollte. Und das Krankenhaus weigert sich, den Kaiserschnitt zu machen, weil die Frau keine Vorkasse leisten könne. Waaas? frage ich. Die Frau hat doch eine Sozialversicherung und die zahlt alles korrekt. Das stimmt, sagt meine Sekretärin, aber der Doktor will umgerechnet 50 Dollar zusätzlich haben, sonst fange er nicht an. Und jetzt setzen die Wehen ein und die Frau würde nicht behandelt werden. Die Kollegen würden nun für die Frau beten.

“Beten?” sage ich. Ich lass mich umgehend mit dem Krankenhaus verbinden. Der Doktor kommt persönlich an den Apparat und fragt frech, ob ich denn das Geld parat hätte. Da geht der Gaul mit mir durch und ich schreie ihn an, dass, wenn er nicht sofort seine Arbeit beginnt, ich persönlich vorbeikomme und ihm einen Kaiserschnitt verpasse, aber ohne Messer, sondern nur mit meinen blossen Händen. Weitere Drohungen meiner Seite folgen in einem wirren Sprachgemisch. Meine Sekretärin nimmt mir das Telefon ab, spricht sachlich mit ihm, und sagt, er solle umgehend mit der Entbindung anfangen, weil ich wirklich kommen würde. Das scheint zu wirken und er sagt, er würde mit der Entbindung anfangen. Trotzdem, und noch mit 180 Blutdruck, mache ich mich startbereit, ins Krankenhaus zu fahren, um ggf ‘behilflich’ zu sein bei der Überzeugung des Arztes. Doch 10 min später kommt der Anruf des Ehemanns, dass tatsächlich entbunden wurde und er bedankt sich, dass alle für die Frau gebetet hatten. Naja, obs am Beten lag?

Ich lass mir eine Tasse Kaffee bringen sowie einen frischen Mangosaft und frage mich selbst, ob es denn nötig war, zu schreien. Man tut so was eigentlich nicht. Aber hallo? Hier war ein Mensch, eine Mitarbeiterin in Lebensgefahr und ein Doktor hat die Behandlung verweigert, nur weil er Schwarzgeld will. Kann man sich das vorstellen??? In Europa nicht, aber hier in Asien generell ist das leider alltäglich. Ein Menschenleben zählt wenig und sogar in Krankenhäusern wird mit Menschenleben gespielt, weil der Arzt einen Sonderbonus will. Man könnte heulen, aber es hilft nichts. Und wenn ich der Dame jetzt geholfen hab, dann bin ich wenigstens für sie glücklich. Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Das hatten wir schon öfter und es gibt in der Tat viele Todesfälle in Indonesien, weil Ärzte aufgrund fehlenden Schwarzgeldes nicht behandeln. In anderen Fällen – ausserhalb der Firma – gibt es keine Krankenversicherungen, dann nimmt ein Krankenhaus einen Patienten erst gar nicht auf, auch wenn einer einen Herzinfarkt hat. So hab ich persönlich schon mit Zahlungen mehrerer Hundert Dollar, oder gar Tausend Dollar, Menschenleben gerettet. Kann ich in solchen Momenten an Geld denken?

Naja, weiter im Tagesgeschäft, und wenn wir schon beim Nachdenken sind und beim leichten Zurücklehnen, dann hol ich gleich eine Dame aus dem Verkaufsteam zu mir und spreche etwas mit ihr. Bei einer Tasse Tee und einigen frischen Melonenstückchen reden wir über ihr Privatleben. Ich merke seit längerem, dass ihre Leistung nicht mehr stimmt, daher will ich mal mit ihr quatschen. Es hört sich merkwürdig an, wenn man die Leute nach ihrem Privatleben ausfrägt, aber hier in Indonesien ist das normal und die Leute möchten dies, und es gilt als Zeichen des Interesses. Die Dame erzählt mir, dass der Wasserbüffel des Vaters gestorben ist und dass die Familie jetzt ein Problem hat. Das Dach des Hauses sei undicht und Wasser käme hindurch. Und ihr Kind könne schon laufen mit einem Jahr. Alles Sachen, die für einen Westeuropäer banal erscheinen, aber Probleme oder auch normale Neuigkeiten sind, denen man sich hier widmen muss. Nach einer Stunde – soviel Zeit hab ich mir für die Dame genommen – ist das Gespräch beendet und sie fragt mich, ob sie mich in den Arm nehmen darf. Ist das ein Witz? Natürlich lass ich mich gerne mal von einem bildhübschen Mädel knuddeln. Und wenn es ihr guttut, so kann sie täglich geknuddelt werden. Dies nur als Spass mit Augenzwinkern, aber es tut ihr sichtlich gut, sich an mich zu drücken, die Umarmung fällt sehr herzlich aus, rund eine Minute. Wow. Und ich kann vorwegnehmen. Die Dame ist nun voll konzentriert auf der Arbeit und wird die nächsten 3 Monate gut arbeiten. Dann müssen wir wieder reden. So geht es mit allen Leuten, zumindest im Büro. In einer Woche sollte mindestens Zeit sein, zwei oder dreimal mit den Leuten privat zu reden. Teilweise auch mal bei einer Tasse Kaffee ausserhalb der Firma, aber meistens reicht es schlichtweg, eine Stunde im Büro zu reden. Was auch wichtig ist: Regelmässig essen gehen mit der Belegschaft. Keinesfalls Fünf- Sterne-mässig, Indonesisch in der für Indonesier gewohnten Umgebung. Dies ist wichtig und extrem hilfreich für das soziale Gefüge innerhalb der Firma. Denn hier ist die Firma mehr als nur Arbeitgeber, hier ist die Firma der Grossteil des sozialen Netzes.

Mal wieder an den PC und ein paar Mails gemacht, einen Dokumentenberg unterschrieben – in Indonesien lasse ich zwecks Sicherheit – fast jedes Papier über meinen Tisch laufen. Jeder Einkaufsantrag, jede Bestellung, jede Rechnung, alle Versanddokumente – neben der täglichen Produktionsübersicht – kommen über meinen Tisch. Das ist notwendig. Auch wenn ich nicht alles tiefsinnig ergründen und prüfen kann, so haben die Leute das Gefühl, ich prüfe es, was Mauscheleien reduziert. Jaja, Mauscheleien. Man muss aufpassen wie ein Schiesshund. Denn die deutsche Ethik gibt es hier nicht. Viele Mitarbeiter versuchen durchaus einmal etwas in den eigenen Geldbeutel gehen zu lassen, sei es als Provision, als Diebstahl, oder sonstwas. Die Hemmschwelle ist niedrig. Dies hat den Ursprung in der Geschichte, da das Land jahrelang kolonial beherrscht worden ist und man sich so über Wasser halten musste, desweiteren ist per Gesetz das ‘Bescheissen’ von Ausländern teilweise straffrei. Ein Witz, und hier passieren oftmals Dinge ohne dass es Leuten bewusst wird. Ich erinnere mich dabei immer an den Grossvater einer entlassenen Kollegin, der mich zur Rede stellte und sagte: “wenn alle Leute entlassen würden, nur weil sie einmal eine Erpressung oder einen Diebstahl machen, hätte ja gar keiner mehr Arbeit, wir Ausländer müssten das mal kapieren.” Naja, Kommentar überflüssig.

16.00 Uhr. Huch, die Zeit rennt. Wieder mal Zeit für einen Produktionsrundgang. Schicht zwei ist da und die sollen auch merken, dass ich da bin. Ähnlich wie am morgen fehlen Leute und die Zuordnungen stimmen nicht. Sicherheitsanweisungen von morgens wurden schon wieder ignoriert und wieder gibt es Unterredungen mit Schichtleiter, Vorarbeitern und Arbeitern. Kurzgesagt: Es wird etwas heftiger. The same procedure as every day… Nach einer Stunde Gespräche und Korrekturmassnahmen auch einen Rundgang aussen um die Firma herum. Alles in Ordnung hier, es reicht sogar die Zeit, um unsere Äffchen zu füttern. Ja, die Firma hat einige Affen, Papageien und einen Riesenpython als “Kleinzoo”. Dies sind Tiere, die wir aus schlechter Haltung gerettet haben, die wir aufpäppeln und irgendwann wieder in die Freiheit bringen wollen, wobei es bei den Äffchen schwierig ist, diese sind uns, insbesondere mir, ans Herz gewachsen. Die Mitarbeiter lieben die Tiere und es ist eine Art soziale Erziehung, denn der Umgang mit Tieren ist den Menschen hier relativ fremd. Aber trotzdem werden die Tiere mittelfristig freigelassen.

17:30. Die Büromitarbeiter sind nach Hause gegangen, einige machen noch Überstunden. Kurz dazugesetzt und einen motivierenden Smalltalk gehalten. Einige Kekse verteilt, das kommt gut an.

Am Schreibtisch ein kleiner Schock, allerdings ein erwarteter. Auf dem Display ein Anruf in Abwesenheit des CFO, dazu eine SMS, wo denn die Zahlen seien. Ein Anruf und ich versuche ihm die Sache zu erklären. Natürlich kommt die Frage: “Was macht denn Ihr den ganzen Tag eigentlich?” Tja, das ist eine gute Frage, und ich erkläre es teilweise besser nicht, denn ich verstehe auch nach fünf Jahren Indonesien immer noch nicht, warum hier nicht einmal ein einziger Tag zur Routine werden kann. Einen ganz banalen Standard hereinzubringen, der auch mal da ist, ohne dass ich selbst allem hinterherrenne. Tja, die Suche nach dem Standard erinnert an die berühmte Suche nach dem Heiligen Gral. Irgendwie ist immer alles anders als geplant…

18:00 Uhr, Zeit um nach Hause zu gehen. Der Fahrer wartet, ich springe in meinen Autositz, lege den Schlafsitz um und höre mir eine Hör CD an. Das ist etwas, was ich nicht mehr missen möchte. Während andere über den Stau meckern, die Fahrzeit von meinem Haus zur Arbeit ist mindestens eine Stunde, bei Vollstau bis zu 2, so nutze ich die Zeit um Hörbücher zu hören. Hatte ich dieses Medium früher belächelt, so hab ich mittlerweile eine Hörbuchsammlung grösser als manche Lexikothek. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Sport, Abenteuer, Bergsteigen, Reiseberichte, usw höre ich jeden Tag mindestens 2 Stunden. Wenn ich einschlafe im Auto, lasse ich die CD gleich nochmal laufen. Das garantiert mir aber eine Entspannung im Auto, ist auch gut für mein Wissen, denn alle meine 500 Hörbücher hab ich mindestens schon dreimal gehört. Während in Deutschland sich beispielsweise jeder über Sarrazins Buch aufregt obwohl es keiner verstanden hat, hab ich es jetzt bereits dreimal gehört und kann es auch recht gut reflektieren. Aktuell höre ich die Biographie Mahatma Gandhis, morgen dann eine CD- Sammlung über die Geschichte des Islam, immer interessant und wichtig, vor allem wenn man im grössten muslimischen Land der Erde wohnt. Diese CDs entspannen nicht nur, sie sind auch ein Wissensausgleich um zu verhindern, dass ich in der Firma zum Fachidioten werde. Und da ich ja keine deutschen Nachrichten habe – ausser per Internet die Zeitung – kann man somit auch immer wieder mit den Gedanken nach Europa kommen. Wer denkt schon an die Integrationsproblematik in Berlin, wenn er durch Jakarta fährt oder wer erinnert sich noch an deutsche Benzinpreise wenn er hier für 60 Eurocent den Liter Benzin tankt? Es ist wichtig, über diesen Wissenstransfer mit der Heimat verbunden zu sein.

Glücklicherweise ist heute mal kein Stau, ich bin zügig um 19.00 Uhr daheim. Die Familie wartet und die Haushälterin hat ein traumhaftes Essen kredenzt. Hach, welch ein Luxus. Fleisch frisch vom Markt und Gemüse vom Hochland. Frisch und gesund zubereitet, das Essen hat keine Tiefkühltruhe und auch keine Geschmacksverstärker gesehen. Als Getränk einen frischen Orangensaft und als Nachspeise frische Mango und Melone. Ja wow…

Nach dem Essen einen frischen Kaffee zur Verdauung, ehe es dann nach draussen auf den Tennisplatz geht. Unser Wohnkomplex von sechs Häusern hat einen Swimmingpool sowie einen Tennisplatz, beides mit Flutlicht, so kann man abends bei 30 Grad draussen noch wunderbar sporteln. Doppelt schön, wenn man daran denkt, dass es gerade 5 Grad plus in Deutschland hat und der Regen peitscht. Nach einer Stunde Tennis geht es unter die Dusche und dann noch mal zu einem Sprung in den Pool. Herrlich. 20 Bahnen gezogen und dann noch etwas geplanscht. Luxus am Rande. Eine Dose Bier aus dem Kühlschrank wird mir direkt von der Haushälterin an den Beckenrand gebracht. War zwar nicht angewiesen, aber sehr nett, dass sie das macht.

Mittlerweile 22.00 Uhr. Zu spät für eine Massage. Normalerweise lasse ich öfter für 8 Dollar eine Dame ins Haus kommen, die mir den erschöpften Körper für 2 Stunden durchknetet. Ich liege dabei im eigenen Bett und lese ein Buch dabei oder döse leicht vor mich hin. Das mache ich morgen wieder, für heute lassen wir es nach einer Dusche bewenden und meine Frau und ich schauen noch eine DVD an, irgendeine deutsche Krimiserie. Wenn man den ganzen Tag nur englisch oder indonesisch spricht (eine Sprache, die recht leicht zu lernen ist), so entspannt man final dann doch gerne bei einer deutschen Serie, egal ob es eine alte “Nonstop Nonsens” Folge ist oder eine Krimiserie mit Henning Baum. Hier hat man dann doch nochmal ein Stück deutsches Kulturgut dabei. Hier ist der Moment, wo der Tag fast deutsch endet. Aber man hat gemerkt, dass der Tag hier in Indonesien ganz anders abläuft und dass die Schwerpunkte ganz woanders liegen.

Nachdem ich um 23.00 Uhr ins Bett gegangen bin, lasse ich im Kopf die nächsten Tage vor mir ablaufen. Aber wozu soll ich grosse Pläne machen? Es kommt ja doch immer anders als man es denkt…

Nur eins ist sicher. Die kommende Woche ist verkürzte Woche, ein langes Wochenende und da haben meine Frau, die Tochter und ich bereits einen Flug nach Bali gebucht. Ja, die Trauminsel Bali. Eineinhalb Flugstunden von hier entfernt und perfekt geeignet um mal ein langes Wochenende zu verbringen. Ein Freund war dieses Jahr schon zehnmal dort, wir gerade zweimal, wir fahren lieber mit dem Auto an den Strand in Java oder fliegen mal zum Dschungeltreck nach Borneo, was auch nur zwei Stunden dauert. Oder wenn ich Auszeit brauche zum Schnorcheln nach Komodo, wo ich die Garantie habe, mit Delfinen oder Haien zu schnorcheln und wo ich vom Boot aus Wale sehen kann. Hach, das Leben ist schon hart in Indonesien…

Aber auch an normalen Wochenenden ist immer was möglich. Jakarta, mit 30 Millionen Einwohnern, zu den fünf grössten Städten der Welt gehörend, hat jederzeit etwas zu bieten, und kaum einer weiss, dass binnen drei Autostunden wunderschöne Strände erreichen kann, und auf der anderen Seite die Berge. Gerade der Gunung Gede ist mit seinen 3,000 Metern ein Berg, den man mal schnell an einem Wochenende erklimmen kann. Vulkantrekking ist möglich, sogar Sumatra mit seinen Nationalparks ist per Auto und Fähre recht zügig erreichbar. Die Suche nach Tiger und Elefanten werden wir auch bald machen.

Aber das werden wir beim nächsten Mal tun. Jetzt werden wir erst einmal die Arbeitswoche beenden, morgen definitiv die Monatszahlen fertigmachen und berichten, um dann nach Bali zu hüpfen.

Be Sociable, Share!
  • Twitter
  • Facebook
  • StumbleUpon
  • Delicious
  • LinkedIn
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • Myspace
  • Reddit
  • Tumblr

All Entries Arbeiten im Ausland Deutsch