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Müssen Champagnerkorken knallen? Das ist schade um den guten Tropfen

Die Redewendung »die Korken knallen lassen« ist zwar ein Synonym für ausgelassenes Feiern, dennoch ist das tatsächliche Knallenlassen beim Öffnen einer Flasche Schaumwein eine eher neureiche Angewohnheit. Natürlich sehen wir eine sehr ausgeprägte Version dieses Verhaltens bei der Siegerehrung von Formel-1-Fahrern oder auch bei Schiffstaufen. Doch der Unterschied zu normalen Anlässen besteht darin, dass der Champagner oder Sekt weder bei der Formel 1 noch bei einer Schiffstaufe tatsächlich getrunken wird. Möchte man den Korken richtig knallen lassen und einen Menschen, ein Schiff oder was auch immer damit duschen, dann schüttelt man die Flasche vorher, damit es besonders schön knallt und das Getränk nicht nur leicht aus der Flasche schäumt, sondern sich in einer schaumigen Fontäne ergießt. Wer den Inhalt der Flasche aber trinken will, dem ist damit nicht gedient. Die Winzer geben sich viel Mühe, dass das Getränk nicht nur perlt, sondern fein moussiert. Ein halb schäumender Sekt steht deshalb auch nur unter einem Druck von 4,5 bar, ein normaler Sekt steht unter 5 bar, und sogenannte Grands Mousseux zeigen starke 5,5 bar. Wer also genießen will, sollte seine Flasche lieber mit Umsicht öffnen, damit erstens kein Tropfen verloren geht und zweitens der Geschmack erhalten bleibt.

Was ist der Unterschied zwischen »alkoholischem Sprudel« und Champagner, Crémant oder Cava? Champagner darf sich ein Schaumwein nur nennen, wenn er tatsächlich aus dem Anbaugebiet Champagne kommt – egal, wie gut oder schlecht der Tropfen ist. Champagner wird ebenso wie Crémant oder Cava und auch deutscher Sekt, der den Aufdruck »Flaschengärung« trägt, nach der gleichen Methode hergestellt. Sie wird auch »Méthode champenoise«, »Méthode traditionnelle« oder »Champagnermethode« genannt. Hier findet die zweite Gärung in der Sektflasche selbst statt. Dieses Verfahren ist für die Herstellung von Champagner, Crémant und Cava zwingend vorgeschrieben. Dafür wird der Sektgrundwein mit der sogenannten Tirage (Zucker und Hefe) versetzt und dann in die Sektflasche gefüllt, die zunächst noch mit einem Kronkorken verschlossen wird. Bei der dann einsetzenden Gärung wird der Zucker durch die Hefen in Kohlensäure und Alkohol umgesetzt. Nach einer bestimmten Lagerzeit muss die Hefe in Richtung des Flaschenhalses gebracht und dort gesammelt werden. Dazu gibt es spezielle Rüttelpulte, lange Bretter mit Löchern. Die Flaschen werden dort mit dem Hals schräg nach unten hineingesteckt und entweder per Hand oder maschinell gerüttelt. Anschließend muss der Hefepfropfen entfernt werden – natürlich möglichst so, dass die ganze Hefe, aber nichts vom Getränk die Flasche verlässt. Dieses sogenannte Degorgieren wird meist mit Kälte gemacht: Der Flaschenhals wird wieder entweder von Hand oder maschinell durch eine Art Eisbad geführt, dann wird der feste Pfropfen entfernt. Doch die Arbeit ist noch nicht zu Ende. Durch die fehlende Hefe fehlt ja nun auch etwas Volumen in der Flasche, das aufgefüllt werden muss. Dafür nimmt man eine Mischung aus Wein und Zuckersirup, und auch dafür gibt es einen entsprechenden französischen Namen: die Dosage.

Mit dieser wird dann auch letztendlich der Süßegrad bestimmt. Nur eine Aufschrift wie »Brut Nature« besagt, dass nichts hinzugefügt wurde. Je nach Restzuckergehalt pro Liter gibt es verschiedene Bezeichnungen für die Süße des Schaumweins:

Bis max. 3 g Ultra Brut, Brut Nature
Bis max. 6 g Extra Brut
Bis max. 15 g Brut
12 bis 20 g Extra Sec
17 bis 35 g Sec
35 bis 50 g Demi Sec
Mehr als 50 g Doux

Sie sehen: Es sind viele Arbeitsschritte und viel Wissen nötig, damit aus dem Traubensaft Champagner wird, vor allem, wenn dies nicht maschinell, sondern noch von Hand gemacht wird. Und diese viele Mühe, diese Kunst und Könnerschaft sollen dann durch einen Korkenknall entsorgt werden? Wundern Sie sich nicht, wenn das nicht jeder »cool« findet. Wer eher den Genuss als die Show sucht, wird so eine Flasche mit Liebe und Sorgfalt in zehn Schritten wie folgt öffnen:

1. Die Flasche sollte gut gekühlt sein, so vermeidet man, dass der Korken sich selbständig macht. Wer keine gekühlte Flasche vorrätig hat, weil sich vielleicht spontaner Besuch oder ein überraschender Grund zum Feiern einstellt, kann mit ein wenig Zeitvorlauf die Flasche in eine Kühlmanschette oder in einen Flaschenkühler geben. Wenn es noch schneller gehen muss, kann man auch die Methode des sogenannten Frappierens anwenden. Champagnerflaschen, die über Stunden hinweg in einer Eis-Wasser-Suppe schwimmen, verlieren wieder an Qualität.
2. Nehmen Sie die Flasche aus der Kühlung und trocken Sie sie vorsichtig ab. Wer dies vor den Augen der Gäste tut, wird dafür nicht ein altes Küchenhandtuch, sondern eine weiße Serviette nehmen. Mit dieser können Sie dann auch die Flasche während des gesamten Öffnungsvorgangs festhalten. Wir sprechen hier über Champagner – den sollte man von Anfang bis Ende zelebrieren.
3. Achten Sie darauf, dass Sie die Flasche immer so halten, dass der Korken nicht nur von Ihnen, sondern auch von allen Gästen, der Glasvitrine oder dem teuren Bild an der Wand wegzeigt.
4. Halten Sie die Flasche am besten leicht schräg.
5. Entfernen Sie die Stanniolkapsel, die alles umhüllt. Nehmen Sie nur so viel weg wie unbedingt nötig.
6. Öffnen Sie den Drahtkorb durch Abdrehen der Schlinge und weiten Sie den Draht ein wenig. Den Daumen sollten Sie zur Sicherung des Korkens immer obenauf ruhen lassen.
7. Ist der Drahtkorb offen, belassen Sie ihn noch vor Ort. Manche entfernen den Drahtkorb zuerst und drehen dann den Korken heraus. Profis schwören aber darauf, dass sich der Korken leichter fassen lässt, wenn der Draht noch lose darumgelegt ist.
8. Fassen Sie mit der linken Hand den Korken und drehen mit der von der Serviette geschützten rechten Hand die Flasche. Der Korken löst sich nun und kommt mit einem sanften »Plopp« aus der Flasche.
9. Auch bei Sekt, Champagner und Prosecco ist wichtig: lieber wenig eingießen und mehrmals nachschenken. Nur so bleibt das Getränk in einem optimalen Zustand.
10. Achtung: Beim Einschenken schäumt das Getränk erst schnell auf. Deshalb wartet man kurz ab, bis der Schaum sich gesetzt hat, und füllt dann das Glas langsam zu zwei Dritteln des Glasvolumens auf. Man kann auch in jedes Glas erst einen Schluck geben und dann im zweiten Durchgang die gesamte Gläserreihe auffüllen. Man kann natürlich eine Champagnerflasche auch mit einem Säbel öffnen – das spart den Umgang mit dem Korken; es gibt tatsächlich Menschen, die das beherrschen. Wer angeben will, der spricht dann auch noch von »sabrieren« und nicht von »köpfen«. Ich empfehle es ausdrücklich nicht zur Nachahmung.

Übrigens: Champagnerflaschen werden gelegentlich in verschiedenen Flaschengrößen angeboten. Bei Wein gibt es diese große Auswahl nicht. Champagnerflaschen gibt es als:
Piccolo 0,2 Liter
Demi/Filette 0,375 Liter
Imperial 0,75 Liter
Magnum 1,5 Liter
Jeroboam (Doppelmagnum) 3,0 Liter
Rehoboam 4,5 Liter
Methusalem 6,0 Liter
Salmanazar 9,0 Liter
Balthazar 12,0 Liter
Nebukadnezar 15,0 Liter
Melchior 18,0 Liter
Souverain 26,25 Liter
Primat 27 Liter

Da die Herstellung mit ansteigender Flaschengröße aufwendiger und somit immer teurer wird, steigt der Preis nicht nur zur proportional zum Inhalt. Je größer die oben aufgeführten Flaschen, desto seltener sind sie deshalb auch zu finden. Umso wichtiger ist also auch das perfekte Öffnen. Zum Üben, ob mit oder ohne Säbel, sollte es freilich vielleicht lieber doch ein normaler Sekt in Standardgröße sein.

Die Autorin Nandine Meyden ist eine ausgewiesene Etikette-Expertin, bekannt durch mehrere Publikationen sowie Fernsehsendungen. Ferner vermittelt Frau Meyden Ihr umfangreiches Wissen im nationalen und internationalen gesellschaftlichen Umgang in verschiedenen Seminaren und erfährt durchweg große Anerkennung.

Der hier vorgestellte Artikel entstammt Ihrem aktuellen Ratgeber „Neues Lexikon der Benimmirrtümer“, erschienen im ULLSTEIN VERLAG (ISBN 978-3-548-37461-1).

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