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Migration nach Europa: Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse

Während sich europäische Institutionen gemeinsam mit nationalen Trägern wie z.B. den deutschen Industrie- und Handelskammern mit der Vergleichbarkeit von Ausbildungs- und Studienabschlüssen innerhalb der EU beschäftigen, stehen die kontinentalen Arbeitsmärkte, insbesondere in Deutschland, Schweden und Österreich angesichts der der starken Migrationsschübe der vergangenen Monaten vor einer neuen Herausforderung. Unabhängig von der persönlichen Motivation, den Nahen Osten und Nordafrika Richtung Europa zu verlassen, wird ein Großteil der Flüchtlinge und Migranten für längere Zeit oder sogar dauerhaft in Mitteleuropa bleiben. Es ist allen politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen sowie aber auch den Migranten selbst klar, dass es in diesen Fällen nicht um kurzfristigen Schutz vor Bürgerkriegen oder Verfolgung geht, sondern um Integration in die bestehenden Gesellschaften. Dieser Beitrag beschäftigt sich speziell mit dem Aspekt des Arbeitsmarktes. Neben dem Erlernen der Landessprache – z.B. Deutsch – und der Akzeptanz der bestehenden Gesetze ist es allgemeine Erkenntnis, dass nur wirklich Teil einer Gesellschaft wird, wer die Möglichkeit der Berufsausübung hat.

 

Einzigartigkeit des dualen Ausbildungssystems in Deutschland

 

Schön innereuropäisch ist es größtenteils schwer, Lehrberufe grenzüberschreitend miteinander zu vergleichen. Vor ca. 10 Jahren wurde auf Basis einer EU-Richtlinie ein umfangreiches Regelwerk zum Abgleich von Qualifikationen in Deutschland etabliert. Dieses regelt neben der Verleihung deutscher Abschlusszertifikate nach Vorlage von beglaubigten Übersetzungen der Abschlüsse aus dem jeweiligen Heimatland auch Maßnahmen zur Nachqualifizierung, Tests in der spezifischen Fachsprache etc.

 

Nun stehen Politik und die Vertretungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor der Herausforderung, die Abschlüsse von Migranten vornehmlich aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Afghanistan sowie dem nordafrikanischen Maghreb näher unter die Lupe zu nehmen und daraus vergleichbare Berufsbilder in Deutschland abzuleiten. Seit Sommer 2015, dem Beginn der massenhaften Einwanderung über die sog. „Balkan Route“ stellt die Bundesagentur für Arbeit Statistiken zusammen, damit aussagekräftige Fallzahlen dokumentiert werden können. Hier ist man aber noch am Anfang und kann daher lediglich Tendenzen nennen.

 

Generell ist das Niveau der schulischen Bildung trotz fehlender Vergleichbarkeit mit dem deutschen dreigliedrigen Schulsystem zwar niedriger, als hierzulande, aber doch besser als zunächst angenommen. Insbesondere die Syrer und Marokkaner bringen vielfach weitreichende Kenntnisse der lateinischen Schrift sowie französische und/oder englische Sprachkenntnisse mit. Die Kenntnis einer europäischen Sprache verbunden mit der Schrift ist eine wichtige Voraussetzung für den notwendigen Deutschunterricht. Hier ist es wichtig, die Kinder und Jugendlichen zügig hierzulande einzuschulen, weil dadurch zudem nach Monaten auf Reise wieder ein Stück Alltag einkehren kann.

 

Schwieriger ist es bei den Berufsabschlüssen. Während Einwanderer und Flüchtlinge aus dem Nahen Osten in technischen Berufen viele Grundfertigkeiten mitbringen, welche durch Berufsfachschulen verbunden mit Betriebspraktika als Vorbereitung auf eine deutsche Lehre einbezogen werden können, sieht es bei kaufmännischen Berufsbildern schlecht aus. Einwanderer aus dem Mittleren Osten sowie aus Nordafrika haben mehrheitlich gar keinen Berufsabschluss, weil ein flächendeckendes Ausbildungssystem gänzlich fehlt. Nicht wenige Afghanen geben bei der Registrierung an, Hirten oder Teppichknüpfer zu sein. Was sich nach populistischer Satire anhört, ist angesichts der seit Jahrzehnten vorherrschenden Verhältnisse in diesem Land Realität und sollte nicht wundern.

 

Grundsätzlich werden die meisten Migranten nicht umhin kommen, eine vollständige deutsche Berufsausbildung zu absolvieren, nachdem sie sich solide Deutschkenntnisse erworben haben. Experten gehen davon aus, dass ca. vier Jahre nach dem Zeitpunkt der Einreise eines Migranten dieser als Geselle bzw. Kaufmannsgehilfe dem Arbeitsmarkt vollwertig zur Verfügung steht. Vorausgesetzt, die bestehenden Hürden für Asylanten im Hinblick auf Arbeitsaufnahme werden gelockert.

 

Studienabschlüsse

 

Bei jenen im Jahr 2015 registrierten rund 750.000 Migranten und Flüchtlingen gaben 8 % an, über einen Hochschulabschluss zu verfügen, 13 % flohen während eines Studiums aus dem Heimatland.

Bei den Absolventen handelt es sich fast ausschließlich um Universitätsabgänger, weil das feingliedrige Hochschulsystem mit seinen verschiedenen Zugängen und Abschlussmöglichkeiten fehlt.

 

Auch hier ist es selbstverständlich, dass profunde Deutschkenntnisse der Schlüssel für die Integration auch auf dem Arbeitsmarkt sind. Schwieriger wird es aber auch bei den Akademikern mit der Vergleichbarkeit der Abschlüsse. Hierzu müssen vielfach erst die Studienordnungen aus den Heimatländern angefordert und mit den örtlichen Studienplänen abgeglichen werden. Dies geht tendenziell leichter bei Medizinern, Pharmazeuten und Technikern/Ingenieuren, bzw. Naturwissenschaftlern. Nahezu keine Vergleichbarkeit ist den Inhalten der juristischen und spezifisch lehramtlichen Studiengänge gegeben. Zum Erwerb eines deutschen Staatsexamens bis zur Anwaltszulassung oder Einstellung als Lehrer liegt dann oftmals das volle Studium in Deutschland. Die Arbeitgeber richten aber vor allem auf Migranten mit MINT-Berufen, die Sozialverbände vor allem auf Ärzte, Apotheker, Pfleger und Erzieher ihr Hauptaugenmerk. Dies ist nachvollziehbar, weil gerade in diesen sensiblen Bereichen seit langem ein Fachkräftemangel prognostiziert wird und dieser spätestens mit der Verrentung der sogenannten „Baby Boomer“ Anfang des kommenden Jahrzehnts durchschlagen wird.

 

Somit bietet die Migration nach Europa ungeachtet der emotional geführten Debatten zahlreiche Chancen auch für Deutschland, man muss aber auch hier die Dinge differenziert betrachten. Weder grenzenlose Euphorie, noch pauschale Schwarzmalerei sind also angebracht.

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