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Angebot für mittelqualifizierte Arbeitnehmer schrumpft

Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft schreitet an zahlreichen Wirtschaftsstandorten weiter voran. Digitalisierung und Automatisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten bereits zahlreiche Berufsbilder „aussterben“ lassen. Traf es zunächst vor allem die Berufe im klassisch gewerblichen Bereich, sind nun auch zunehmend Büroberufe betroffen. Eine Studie der OECD bestätigt den Trend, dass Arbeitsplätze in der heutigen Zeit entweder eine sehr hohe oder eine sehr niedrige Qualifikation erfordern. Aber was ist mit jenen Fachkräften, die über eine fundierte Ausbildung verfügen, aber nicht unbedingt zu den immer dringender gesuchten Spezialisten in den Zukunftsbranchen zählen? Die Studie gibt hier leider keinen rosigen Ausblick.

 

Im Langzeitvergleich über 20 Jahre, von 1995 bis 2015 fanden die Experten heraus, dass die Stellen für Arbeitnehmer mit mittlerer Qualifikation zumindest abseits des Handwerks um ca. 10 % in allen OECD-Mitgliedsstaaten reduziert wurden. Gleichzeitig stieg das Arbeitsplatzangebot für hoch- und geringqualifizierte Arbeitskräfte im gleichen Erhebungszeitraum an. Die OECD sprach auf einer Pressekonferenz in Berlin Mitte Juni 2017 von einer „Beschäftigungspolarisierung“, deren Ursache der genannte tiefgreifende technologische Wandel sei. Dies nicht nur auf Grund der Verlagerung auf das Dienstleistungsgewerbe vor allem in Europa und Nordamerika, sondern auch weil sich bestimmte Branchen selbst drastisch verändern. Der Blick fällt auf besonders hochtechnisierte Sparten wie etwa die Automobilbrache, den Maschinen- und Anlagenbau oder auch auf die Lebensmittelindustrie. Weitreichende Automatisierungen der Herstellungsprozesse haben dazu geführt, dass die alten lauten und oft schmutzigen Fabriken modernen Werkshallen nah am Reinraum gewichen sind. Anstelle der früher wie Ameisen zwischen Maschinen malochenden Arbeitern verrichten Roboter aller Art Tätigkeiten, für die keine Menschen mehr benötigt werden. Für die Einstellung und Überwachung dieser automatisierten Maschinen braucht es nur wenige hochqualifizierte Spezialisten um denselben Ausstoß an Produkten wie noch vor 20 Jahren oder früher zu erzeugen. Übrig bleiben am anderen Ende der Qualifikationsskala überraschenderweise eine Vielzahl an anlernbaren Tätigkeiten, die sich für Geringqualifizierte eignen. Hier kommt dann oftmals der gesetzliche oder tarifliche Mindestlohn zur Anwendung.

 

Hier zeichnet sich also neben Sicherung der Altersrenten und der Vermittlung von Arbeitslosen eine große Herausforderung für die Arbeitsmarktpolitik und nicht zuletzt für die Arbeitgeber ab, die sich schon sehr bald bemerkbar machen könnte. Die OECD will es aber nicht nur bei der Analyse belassen, sondern gemeinsam mit Politik und Wirtschaft Lösungswege erörtern, wie man den sogenannten „Mittelstandsbauch“ auch zukünftig in Beschäftigung halten kann. Denn trotz fortschreitender Akademisierung bei der beruflichen Bildung und Ausbildung gibt es weiterhin mehrheitlich erwerbsfähige Menschen mit Ausbildungsabschluss, früher Lehre genannt. Davon am wenigsten betroffen ist übrigens das klassische Handwerk. Nomen est omen, weshalb man hier auch künftig nur die wenigsten Arbeitsschritte automatisieren kann.

 

Zu guter Letzt richteten die Macher der Studie ihren Blick nicht nur auf die absoluten Beschäftigungszahlen, sondern auch auf die Einkommensentwicklung und die Qualität des Arbeitsumfelds. Der Schrumpfungsprozess betraf in der Vergangenheit nämlich nicht nur die absolute Anzahl der Arbeitsplätze, auch die Einkommensentwicklung war teilweise stagnierend, nach Realeinkommen sogar schrumpfend. Hier werden kreative Lösungen gesucht um auch die Mittelqualifizierten in die Arbeitswelt der Zukunft zu integrieren. Sich nur auf die Politik zu verlassen, wäre der falsche Weg. Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe in vielen Ländern, also weit über Deutschland hinaus. Die momentane Beschäftigungslage – so viele Menschen arbeiteten in Deutschland seit der Wiedervereinigung noch nie – bei gleichzeitig niedriger statistischer Arbeitslosigkeit darf den Blick nicht auf diese Herausforderungen verstellen.

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