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Burn-Out, weil man ein freundlicher Kollege ist?

Ausgebrannt sein ist mittlerweile eine anerkannte Krankheit und nicht bloß ein Gefühl, das vermeintlich „Faule“ befällt. Insofern ist die Gesellschaft schon etwas weiter, als noch vor ein paar Jahren, als dies als Modeerscheinung abgetan wurde. Nur, wie gerät man in die Spirale ins emotional Bodenlose? Vielfach wird darauf hingewiesen, dass das umfassende digitale Angebot, die ständige Erreichbarkeit und alles, was damit zusammenhängt, Ursachen für einen Burn-Out sein können. Dies ist zwar noch nicht abschließend erforscht, aber sicherlich nicht falsch. Allein verstellt diese Teildebatte den Blick auf eine ganz wesentliche Ursache: dem kollegialen Mit- oder Gegeneinander.

Neben dem klassischen Mobbing unter Kollegen trifft es Psychologen zufolge meist jene Mitarbeiter, die nett sind und es allen recht machen wollen.

 

Dies soll kein Plädoyer dafür sein, seinen Arbeitstag möglichst unfreundlich zu gestalten. Zudem möchte man doch nicht alleine die Mittagspause verbringen, gelegentlich mit den Kollegen einen Plausch in der Teeküche halten oder man freut sich über kleine (süße) Aufmerksamkeiten des Teams. Jeder normal veranlagte Mensch möchte von seiner Umwelt gemocht werden. Hier ergibt sich aber eine unsichtbare Linie. Nette Kollegen springen auch mal ein, wenn es am Schreibtisch gegenüber eng wird. Das ist grundsätzlich nicht falsch, allerdings merken sich Kollegen nur allzu gerne ein solches Sozialverhalten und es besteht die Gefahr, dass dies ausgenutzt wird. Außerdem registrieren Vorgesetzte, die für die Vorschläge zu Beförderungen verantwortlich sind, oftmals nicht den Umstand, dass ein Mitarbeiter auch die Arbeit von Kollegen übernimmt und weist die Ergebnisse jemand anderem zu. Man mag über den Spruch „TEAM = toll ein anderer macht’s!“ lächeln, aber auch darin liegt die Krux begraben. Denn man kann sich dadurch letztlich auch selbst schaden.

 

Diese ausgeprägte Form des Altruismus soll wie gesagt nicht mit Freundlichkeit verwechselt werden. Höflichkeit unter jenen Menschen, die täglich miteinander auskommen und Ergebnisse erarbeiten müssen, ist sogar notwendig. Wer hat schon jemanden um sich herum, der jeden Tag eine Laune wie fünf Tage Regenwetter hat? Nettigkeit im Sinne der ständigen Übernahme von Aufgaben, die sonst niemand machen will oder die sehr zeitaufwändig sind, lässt aber nicht wenige in eine Falle tappen. Manchmal fahren Mitarbeiter auch eine falsche Strategie bei der Erwiderung unberechtigter oder auf der Tonspur unpassend formulierter Kritik. Wer auf Teufel komm‘ raus immer nur freundlich reagiert, gibt dem Gegenüber das Gefühl, mit seinem Einwurf richtig zu liegen. Konstruktives Gegenhalten aber zeigt dem Vorgesetzten oder Kollegen Grenzen auf oder lässt seine Einschätzung in einem anderen Licht erscheinen. Sachliche Gegenwehr darf nicht mit Trotz oder gar Illoyalität verwechselt werden. Zu guter Letzt bleibt von den immer Netten der Nimbus des ewigen Ja-Sagers hängen. Damit verringern sich auch mögliche Aufstiegschancen, denn von Führungskräften wird ein entsprechendes Profil erwartet.

 

Soweit muss es aber gar nicht kommen. Wer sich immer bereitwillig Aufgaben stellt, die andere im Team nicht machen wollen, erhält immer mehr davon. Dies entwickelt regelmäßig eine Eigendynamik, die praktisch für Chefs und Kollegen ist, mittelfristig aber zu einem Burn-Out führen kann. Die Kombination aus viel und wenig ansprechender Arbeit jedenfalls ist ein gefährlicher Kreislauf mit Tendenz nach unten – psychisch betrachtet. Obendrein wird diesen so veranlagten Personen meist keine adäquate Anerkennung entgegen gebracht, das eigene Standing leidet. Unterbewusst nutzen viele Menschen die Schwächen anderer Menschen aus, wenn sich Gelegenheit ergibt. Dahinter steckt in den seltensten Fällen absichtliche Bösartigkeit. Es geht hier vordergründig nicht um Mobbing oder Bossing (wenn der Chef mobbt). Diese darwinistische Ader passt so gar nicht zu unserem humanistischen Weltbild in den westlichen Gesellschaften, dennoch scheint es tief in uns verankert zu sein. Die netten Ja-Sager kommen jedenfalls in den seltensten Fällen nach oben, man steckt sprichwörtlich in einer Schublade fest und bleibt unsichtbar. So verfestigt sich bei den Betroffenen das negative Gefühl der Nichtbeachtung gepaart mit dem messbaren Umstand, immer die zeitraubenden oder uninteressanten Aufgaben zugewiesen zu bekommen, während es Kollegen in vergleichbaren Funktionen es besser haben. Weitere Indizien dafür, ob man in der Falle steckt sind Themen wie Weiterbildungsmaßnahmen, für die man nicht vorgeschlagen wird, oder man wird nie nach seiner Meinung zu einem Aspekt gefragt. Diese Menschen bringen sich zu allem Übel von ihrem Naturell her auch nicht proaktiv ein.

 

Was kann man also tun?

Zunächst kann es helfen, nicht sofort „Hurra“ zu rufen, wenn man Entscheidungen treffen muss. Sich eine gewisse Bedenkzeit auszubedingen, kann bei Vorgesetzten schon einen ersten Eindruck hinterlassen. Man signalisiert, dass man nicht zu allem „ja und amen“ sagt, sondern die Dinge hinterfragt und nicht vorbehaltlos zustimmt. Manchmal kann dann auch ein Widerspruch stehen, denn man im Berufsleben natürlich sachlich und stringent vortragen muss. Arbeit einfach ablehnen dürfte mit der Vertragstreue eines Angestellten kollidieren. Wer sich auch im privaten Umfeld damit schwertut, kann dies zunächst im Familien- oder Freundeskreis versuchen, wo keine rechtlichen Konsequenzen drohen. Wer Übung damit bekommt, nicht einfach alles einfach ab zunicken, wird mit der Zeit sicherer und kann sich Souveränität und damit auch Respekt zueignen.  Dies ist der erste und wesentliche Schritt raus aus der Falle. Dies funktioniert natürlich nicht mehr, wenn man schon unter Burn-Out leidet. Dann ist ärztliche Hilfe, die mittlerweile auch von den Kassen bezahlt wird, dringend angeraten. Gefährdete sollten es nach Möglichkeit aber nicht soweit kommen lassen.

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