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Die 35-Stunden-Woche wird wieder Wahlkampfthema

Die Debatte ist nicht neu. Schon der alten Bundesrepublik der 1980er Jahre zogen Gewerkschaften zum 1. Mai und anderen Gelegenheiten für eine einheitliche Reduzierung der Definition von Vollzeitarbeit auf die Straßen und Plätze. Kurz danach änderten sich die Umstände durch die langfristig zu finanzierende Wiedervereinigung sowie im Anschluss daran wegen Gerd Schröders Agendapolitik grundlegend und das Thema verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Erst in jüngster Zeit mehren sich die Stimmen im Zuge des Diskurses über die sogenannte Work-Life-Balance, befeuert von den künftigen, tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt durch digitalisierte Automatisierung. Wir berichteten an dieser Stelle bereits mehrfach. Nun gab die größte und bekannteste Industriegewerkschaft des Landes, die IG Metall eine umfassende Befragung von Arbeitnehmern in Auftrag. Das Ergebnis stützt die alte Gewerkschaftsforderung nach einer teils deutlichen Reduzierung der Wochenarbeitszeit bei Vollzeitstellen. Derzeit sind bei Verträgen ohne Tarifbindung bis zu 42 Stunden je Woche möglich und zwischen 38 und 40 Sollwochenstunden üblich. Überstunden und Mehrarbeit freilich nicht eingerechnet. Die Werte stützen sich auf das, was in tarifvertraglich basierten oder einzelvertraglich festgehaltenen Passagen der deutschen Arbeitsverträge niedergeschrieben ist. Die Befragung war bewusst breit angelegt um Zerrbilder zu vermeiden.

 

Der Vorsitzende der IG Metall, Herr Jörg Hofmann weist zudem auf den Umstand hin, dass tariflich vereinbarte Obergrenzen arbeitgeberseitig in den letzten Jahren an vielen Stellen aufgeweicht wurden. Er stützt sich dabei auf Befragungsergebnisse, die er am 16.05.2017 im Rahmen einer Tagung in Frankfurt präsentierte. Dabei kam zum Vorschein, dass die von der Industrie und dem Dienstleistungssektor allseits geforderte Flexibilität der Arbeitnehmer dazu geführt hat, dass zahlreiche Einzelmaßnahmen die reale Arbeitszeit vielfach steigen ließ. Der Wettbewerbsdruck im Zuge der Globalisierung und anderer Aspekte wird oftmals in Form von Leistungsdruck an die Beschäftigten weitergegeben. So sind Aufgaben nicht selten in der regulären Arbeitszeit nicht zu bewältigen oder Abteilungen bleiben lange unterbesetzt. Dies kann an einigen Stellen auch damit zu tun haben, dass bestimmte Fachkräfte am Markt rar sind und so Head-Counts nicht zeitnah oder auf Sicht gar nicht besetzt werden können. Die Gewerkschaft sieht hier aber die Arbeitgeber in der Verantwortung, für ihre Mitarbeiter sinnvolle Arbeitsbedingungen zu schaffen. Arbeitszeiten müssten zum Leben passen.

 

Bemerkenswert ist bei Blick auf die Umfrage, dass fast ein Drittel der Arbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie – immer noch der Wirtschaftsfaktor Nr. 1 am Standort Deutschland – über keinen 35-Stunden-Vertrag mehr verfügen. Und dies in flächentarifgebundenen Betrieben! Gleichzeitig wünscht sich aber die große Mehrheit der Befragten diese Höchstarbeitszeit pro Woche. Daran hat sich also nichts geändert.

 

Neu ist die Einsicht der Arbeitnehmer, dass ihre Arbeitgeber eine Reduzierung der Arbeitszeit nicht alleine finanzieren müssten. Hier waren die Töne vor 30 Jahren noch anders. Es hat sich wohl allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass man am Weltmarkt wettbewerbsfähig sein muss um den Wohlstand insgesamt zu erhalten. Daher sei man weitgehend bereit, beim Thema Gehalt Abstriche zu machen, wenn die Arbeitszeit im Gegenzug reduziert werden würde. Normalerweise kommt ein solcher Kompromiss den Arbeitgebern entgegen. So können Beschäftigte der Deutschen Bahn AG demnächst entscheiden, ob Sie statt für die ausgehandelte Gehaltserhöhung lieber für mehr Urlaub oder für weniger Wochenstunden optieren. Für den Arbeitgeber ist dies betriebswirtschaftlich weitgehend kostenneutral. Dieses Modell erscheint uns aber nicht für jede Branche anwendbar. Für allem die M+E Branche leidet jetzt schon an vielen Stellen unter dem Fachkräftemangel, weshalb die Arbeitgeber in den letzten Tarifrunden ungewöhnlicherweise sogar bereit waren, höhere Gehälter zu bezahlen, wenn die Arbeitnehmerseite im Gegenzug ihre Zustimmung zu flexiblen Lösungen bei der Arbeitszeit, insbesondere bei den Zeitpunkten der Erbringung der Arbeitsleistung zustimmen. Genau hier scheint die neue Scheidelinie zwischen den Interessensvertretungen zu liegen. Während Arbeitgeber ihre wertvollen Fachkräfte am liebsten rund um die Uhr abrufbereit hätten, möchten diese aber mehr Zeit für Kindererziehung, ggf. Pflege der Eltern oder allg. mehr Erholungsphasen. Einige Arbeitnehmer wollen ihre Freizeit teilweise auch in spezifische Weiterbildung investieren. Die Studie zeigt auch deutlich, dass es sich um keine Momentaufnahme handelt. Die IG Metall gibt zudem an, dass rund 680.000 Beschäftigte in ca. 7.000 Betrieben teilgenommen haben. Übrigens wurden bei weitem nicht nur Mitglieder befragt, weil der Organisationsgrad bei den Gewerkschaften seit Jahren sinkt, auch bei der IG Metall, wenn auch nicht so stark wie in anderen Branchen.

 

Unabhängig von der Autonomie der Tarifpartner wird dieses Thema auch auf den anstehenden Bundestagswahlkampf abstrahlen. Dabei werden die Fronten wahrscheinlich wie gewohnt verlaufen. Wichtig wird sein, ob sich die politischen Gruppierungen, aber auch die Tarifpartner sich darüber im Klaren werden, dass man bezogen auf Deutschland viele äußere Faktoren nicht ändern kann: Globalisierung, Digitalisierung, teilweise auch die Arbeitsmigration, wobei man seinen Blick dabei nicht nur auf die Zu- sondern auch auf die Abwanderung pro Jahr richten sollte.

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