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Speed-Dating als neuer Trend bei Bewerbungsgesprächen?

Speed-Dating kennt man eher im Zusammenhang mit der Suche nach dem passenden Deckel zum Topf. Nun scheint sich der Trend zum beschleunigten Kennenlernen auch bei der Jobsuche durchzusetzen. Nicht nur auf den zahlreichen Jobmessen, auch als eigener Event werden solche Zusammenkünfte immer öfter angeboten. Der Trend dazu stammt aus Großbritannien und möchte es Personalentscheidern wie Bewerbern ermöglichen, im engen Zeitrahmen von meist 10 Minuten möglichst viele Kontakte kennenzulernen. Im Durchschnitt dauert ein normales Vorstellungsgespräch ca. eine Stunde, nach dem meist immer gleichen Ablauf werden das Unternehmen sowie die Perspektiven der konkreten Stelle vorgestellt und dann arbeitet man sich durch den Lebenslauf des Kandidaten, welcher dann nach seinen Erwartungen gefragt wird. Dies muss beim Job-Speed-Dating zumindest inhaltlich in einem Sechstel der durchschnittlichen Zeit untergebracht werden, was in der üblichen Tiefe natürlich nicht möglich ist. Ziel dieser neuen Herangehensweise ist auch nicht, in rascher Folge definitive Entscheidungen zu treffen, sondern die wesentlichen Aussagen zu treffen und vor allem zu prüfen, ob man generell zueinanderpassen könnte. Ein Vertragsangebot kann man als Bewerber ohnehin nicht erwarten. Manchmal bekommt man als Bewerber sofort die Zusage einer weiteren Einladung zu einem klassischen Interview, meist immerhin nicht sofort eine Absage.

 

Ein großer Vorteil vor allem für Bewerber ist, dass der persönliche Kontakt nicht schon an der Hürde der formalen Unterlagenprüfung im Rahmen der ABC-Analyse scheitert. Zeugnisse und andere Zertifikate treten bei dieser Form des Get-together in den Hintergrund, dies wird erst bei einem weiteren Schritt wichtig. Somit haben Bewerber die Möglichkeit, ihre Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen und dadurch eine wesentliche Grundlage für den weiteren Bewerbungsprozess zu schaffen. Unternehmen haben den Vorteil der massiven Zeitersparnis, weil ein großer Bewerberpool in wesentlich kürzerer Zeit unter die Lupe genommen werden kann. Dies ist vor allem dann attraktiv, wenn eine Reihe gleichartiger Stellen im Spezialistenbereich zu besetzen sind. Für die Rekrutierung von Führungskräften ist diese Form eher nicht sinnvoll.

 

Das erste deutsche Job-Speed-Dating wurde im Jahr 2011 durchgeführt. Nicht nur Messeveranstalter, auch Hochschulen und sogar die Arbeitsagenturen bieten diese „Datings“ mittlerweile an. Der Trend setzt sich an allgemeinen Schulen fort: regionale Unternehmen werben in diesem Zusammenhang um potentielle Auszubildende in den oberen Schulklassen, meist auf dem Gelände der Schule. Der „war for Talents“ hat alle Ebenen erfasst und Kreativität bei der Personalgewinnung ist immer mehr gefragt. Daher werden nicht nur die Berufseinsteiger an Schulen und Universitäten umworben, sondern zunehmend auch branchen- oder altersspezifisch. Konzerne wie die Deutsche Bahn oder auch große Handelsketten organisieren solche Job-Speed-Datings für sich selbst in bestimmten Regionen. In Kooperation mit Jobcentern werden manchmal auch bewusst Langzeitarbeitslose eingeladen, sich persönlich vorzustellen. Gerade diese Gruppe hat es mittels reiner „Papierbewerbungen“ bekanntlich schwer, auf dem üblichen Weg mit Ihrer Bewerbung auf dem 1. Arbeitsmarkt durchzudringen. Hier liegen also insgesamt zahlreiche Chancen für beide Seiten.

 

Dennoch sollten Bewerber bei dieser Kurzform eines Job-Interviews ein paar wichtige Grundregeln beachten. Die Gesprächsführung sollte man im eigenen Interesse den Arbeitgebervertretern überlassen. Schließlich haben sich die Personaler im Vorfeld und im Hinblick auf die knappe Zeitspanne vorab eine Art Fragenkatalog überlegt, an Hand dessen sie herausfinden müssen, welche Kandidaten grundsätzlich ins Profil des Unternehmens passen. Für Monologe seitens der Bewerber bleibt keine Zeit. Natürlich sind eigene Fragen erlaubt, es handelt sich um kein Polizeiverhör. Diese Fragen sollten sich aber mit den Ausführungen des Gegenübers befassen, Grundsatzdiskussionen passen ebenso wenig in das Zeitfenster, wie Smalltalk oder die üblichen Floskeln. Höchste Konzentration ist das A und O, wenn man gewissermaßen in die zweite Runde kommen möchte. Dabei sollte man nicht verwundert sein, falls es zur eigenen Vita nur wenige Fragen gibt. Dies ist im Falle des Job-Speed-Datings keine Interesselosigkeit, sondern kann meist sogar positiv verbucht werden. Wenn die Personaler wenig Fragen zum Lebenslauf haben, ist dieser womöglich derart stringent, als dass man innerhalb der 10 Minuten auf Nachfragen gerne verzichtet.

 

So, wie sich die Arbeitgebervertreter auf die Gesprächsführung vorbereiten, sollte man dies als Bewerber ebenso tun. Wichtig ist, dass man wenige Nebensätze verwendet und sich nicht in Details verliert. Langes Überlegen ist nicht drin. Unabhängig davon sollte man bei Bewerbungen nie flunkern, weil Profis im HR Bereich meist alles herausfinden und sei es durch Suggestivfragen. In unserem Beispiel unter erhöhtem Zeitdruck würde man sich ohnehin noch leichter selbst verraten. Am besten übt man vor einem solchen Termin mit einem Bekannten oder Verwandten im Rahmen eines Rollenspiels. Manche Jobcenter bieten auch eigene Seminare für die durch sie betreuten Arbeitssuchenden an. Alternativ kann man z.B. bei Placementberatungen gegen entsprechendes Entgelt solche Bewerbungstrainings buchen. Wer sich in seinem Leben nicht oft neu beworben hat, sollte diese Möglichkeit unabhängig von der Art des Interviews ohnehin in Erwägung ziehen. Zu den guten Ratschlägen gehört auch, sich vorab im Internet über die teilnehmenden Unternehmen zu informieren, sofern die Teilnehmerliste vorab bekannt gemacht wird. Welche Produkte oder Dienstleistungen werden angeboten? Wie groß ist das Unternehmen? Wer sind die Eigentümer? Gibt es verschiedene Standorte, auch international? Damit helfen Bewerber den Gesprächspartnern auf der anderen Seite mit einer verkürzten Unternehmensvorstellung und signalisieren Interesse am Unternehmen, was immer ein psychologischer Pluspunkt ist.

 

Wenn Sie entweder sofort oder ein paar Tage später tatsächlich vom einen oder anderen Unternehmen eine Einladung zu einem intensiveren Kennenlerngespräch erhalten, kommen Sie aber um die klassische Bewerbung nicht herum. Ihre Aussagen im Job-Speed-Dating-Gespräch sollten sich mit Ihrer schriftlichen Vorstellung decken, denn meist schreiben die Human Resources Manager stichpunktartig mit. Seien Sie authentisch, verbiegen Sie sich nicht. Viel Erfolg!

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